Wertschätzung am Arbeitsplatz

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Wertschätzung am Arbeitsplatz: Warum sie nicht gegeben werden kann, sondern entsteht

Unternehmen investieren heute mehr Geld denn je in Mitarbeiter. Flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsangebote, Team Events, Obstkörbe oder andere Benefits gehören mittlerweile fast zum Standard. Gleichzeitig steigen in vielen Unternehmen Fluktuation, Krankheitsquoten und die Schwierigkeiten, gute Mitarbeiter langfristig zu binden.

Kaum ein Begriff wird dabei häufiger verwendet als Wertschätzung. Gleichzeitig ist er in den vergangenen Jahren fast schon zu einem Modewort geworden. Kaum eine Stellenanzeige, kaum ein Unternehmensleitbild und kaum ein Vortrag über Führung kommt noch ohne ihn aus. Viele Führungskräfte können das Wort inzwischen kaum noch hören. Und dennoch bleibt das eigentliche Problem bestehen.

Die naheliegende Schlussfolgerung lautet häufig: Wir müssen unseren Mitarbeitern noch mehr Wertschätzung entgegenbringen. Das Problem dabei: Die meisten Führungskräfte bleiben mit diesem Anspruch allein. Im Arbeitsalltag fehlen Zeit, Orientierung, Werkzeug und vor allem ein konkreter Ansatz, wie Wertschätzung überhaupt entstehen soll. Zwischen Meetings, Kennzahlen, Personalgesprächen und dem Tagesgeschäft rückt das Thema schnell wieder in den Hintergrund. Nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil vielen Führungskräften der praktische Hebel fehlt.

Ich glaube, genau dort beginnt das Missverständnis.

Wertschätzung ist keine Maßnahme. Sie lässt sich weder verordnen noch organisieren. Sie entsteht aus der täglichen Zusammenarbeit zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Genau deshalb verpuffen viele gut gemeinte Maßnahmen bereits nach kurzer Zeit. Der Obstkorb wird selbstverständlich, die Gehaltserhöhung wird zur Routine und auch die Weihnachtsfeier verändert die Zusammenarbeit nicht dauerhaft.

Das bedeutet nicht, dass solche Maßnahmen falsch sind. Sie können eine gute Unternehmenskultur unterstützen. Sie ersetzen jedoch keine gute Führung.

Warum Wertschätzung häufig missverstanden wird

„Führe dein Team so, wie du selbst geführt werden möchtest.“

Dieser Satz klingt sympathisch und logisch. Gleichzeitig halte ich ihn für einen der größten Denkfehler moderner Führung.

Er unterstellt, dass andere Menschen dieselben Bedürfnisse haben wie ich selbst. Genau das ist aber nicht der Fall.

Anders ausgedrückt: Nur weil ich Linkshänder bin, würde doch niemand erwarten, dass mein gesamtes Team künftig mit der linken Hand schreibt. Warum erwarten wir dann, dass alle Menschen auf dieselbe Art geführt werden möchten wie wir selbst?

Genau hier beginnt aus meiner Sicht echte Wertschätzung. Nicht alle Mitarbeiter gleich zu behandeln, sondern zu verstehen, dass unterschiedliche Persönlichkeiten auch unterschiedliche Führung brauchen.

Hinter jeder Persönlichkeit stehen Bedürfnisse

Aus meiner Sicht wird über einen Begriff in der Führung viel zu wenig gesprochen.

Über Bedürfnisse.

Sobald von Bedürfnissen die Rede ist, denken viele Führungskräfte an Wünsche. Mehr Urlaub. Mehr Gehalt. Homeoffice. Dienstwagen. Flexible Arbeitszeiten.

Genau darum geht es nicht.

Persönlichkeit erzeugt Bedürfnisse. Gemeint sind die Rahmenbedingungen, unter denen ein Mensch seine Stärken überhaupt entfalten kann. Erst dann entstehen Motivation, Eigenverantwortung und Freude an der Arbeit. Genau dort werden Potenziale freigesetzt.

Ein strukturierter Mitarbeiter benötigt Klarheit, Planung und Verlässlichkeit. Ein Mensch mit einer stark ausgeprägten Stärke Verantwortung braucht Vertrauen und Entscheidungsspielraum. Wer seine Energie aus Kreativität oder Netzwerken bezieht, benötigt Austausch, neue Impulse und Gestaltungsmöglichkeiten. Es geht also nicht um Sonderbehandlungen, sondern um die Rahmenbedingungen, unter denen Menschen ihre beste Leistung erbringen können.

Genau hier entstehen viele Missverständnisse. Was für den einen Mitarbeiter motivierend ist, kann für den anderen Druck erzeugen. Der eine möchte neue Ideen entwickeln und Veränderungen vorantreiben. Der nächste schätzt Beständigkeit, klare Abläufe und eingespielte Routinen. Während der eine möglichst viel Freiraum braucht, wünscht sich der andere klare Strukturen und Orientierung. Wer alle Mitarbeiter nach den eigenen Maßstäben führt, behandelt zwar alle gleich, führt aber selten gerecht.

„Das ist bei uns nicht umsetzbar.“

An dieser Stelle höre ich häufig den Einwand:

„Das ist bei uns in der Praxis gar nicht umsetzbar.“

Ich glaube, genau diese Aussage verhindert echte Wertschätzung. Solange Führung bedeutet, alle Mitarbeiter möglichst gleich zu behandeln, wirkt Individualität tatsächlich wie zusätzlicher Aufwand. Genau deshalb braucht es ein Umdenken.

Wertschätzung bedeutet nicht, jedem Mitarbeiter seine Wünsche zu erfüllen. Sie beginnt dort, wo Führungskräfte die Bedürfnisse hinter den unterschiedlichen Persönlichkeiten verstehen und den Arbeitsalltag danach ausrichten. Dafür braucht es häufig keine großen Umstrukturierungen. Oft reichen kleine Veränderungen bei der Aufgabenverteilung, der individuellen Kommunikation oder einzelnen Verantwortlichkeiten. Genau diese scheinbar kleinen Anpassungen entscheiden darüber, ob Mitarbeiter ihre Stärken täglich einsetzen können oder jeden Tag ein Stück Energie verlieren.

Zwei Mitarbeiter können dieselbe Aufgabe übernehmen, dieselbe Anerkennung erhalten und unter denselben Bedingungen arbeiten. Trotzdem geht der eine motiviert nach Hause, während der andere innerlich kündigt. Nicht, weil einer leistungsbereiter wäre als der andere, sondern weil die Rahmenbedingungen nur zu einer Persönlichkeit passen.

Genau hier beginnt für mich Wertschätzung.

Nicht beim Lob. Nicht beim Benefit. Nicht beim Sommerfest. Sondern bei der Frage:

Unter welchen Rahmenbedingungen kann dieser Mensch seine Persönlichkeit und seine Stärken überhaupt entfalten?

Wer diese Bedürfnisse kennt und sie im Führungsalltag berücksichtigt, verändert weit mehr als nur die Stimmung im Team. Aufgaben werden passender verteilt, Verantwortung wird lieber übernommen und Zusammenarbeit kostet deutlich weniger Kraft. Die daraus entstehenden Entscheidungen werden von Mitarbeitern als Wertschätzung erlebt. Tatsächlich sind sie jedoch das Ergebnis einer Führung, die Persönlichkeit verstanden hat.

Warum Persönlichkeit Verhalten erklärt und welche Auswirkungen unterschiedliche Persönlichkeiten auf Führung, Zusammenarbeit und Entscheidungen haben, erfährst du in der Themenübersicht Persönlichkeit verstehen.

Wertschätzung entsteht im Führungsalltag

Diese Erfahrung durfte ich mehrere Jahre als Vertriebsleiter und COO bei Christian Bischoff machen.

Der entscheidende Unterschied lag nicht in außergewöhnlichen Benefits oder besonderen Mitarbeiterprogrammen. Natürlich kannte jeder seine eigenen Stärken. Viel wichtiger war jedoch, dass das gesamte Team die Stärken aller Kollegen kannte.

Im Haupteingang hing eine große Übersicht mit allen 24 Stärken. Unter jedem einzelnen Stärkenbegriff waren die Mitarbeiter aufgeführt, bei denen diese Stärke besonders ausgeprägt war.

Dadurch wusste jeder im Team sofort, wen er bei bestimmten Fragestellungen ansprechen konnte. Wer einen Sparringspartner mit ähnlichen Stärken suchte, fand ihn ebenso schnell wie jemanden, der bewusst eine völlig andere Perspektive einbringen konnte. Genau diese unterschiedlichen Blickwinkel führten häufig zu besseren Entscheidungen und neuen Ideen.

Für neue Bewerber war diese Übersicht fast immer einer der spannendsten Momente während der Unternehmensführung. Viele blieben davor stehen und wollten verstehen, warum wir so arbeiteten. Sobald ich erklärte, wie wir Persönlichkeit im Führungsalltag nutzten, veränderte sich das Gespräch häufig. Plötzlich ging es deutlich weniger um Gehalt, Urlaub oder Benefits. Viele wollten einfach Teil unseres Teams werden, in dem Persönlichkeit sichtbar gemacht und bewusst genutzt wird.

Genau das meine ich mit Wertschätzung. Sie war bei uns nie das eigentliche Thema. Sie entstand ganz automatisch durch eine Führung, die Persönlichkeit sichtbar gemacht und bewusst genutzt hat.

Welche Auswirkungen passende Aufgaben und die Berücksichtigung persönlicher Bedürfnisse auf Motivation und Leistungsfähigkeit haben, zeige ich ausführlich im Leitartikel Jobzufriedenheit steigern.

Wertschätzung ist ein wirtschaftlicher Faktor

Wertschätzung wird häufig als weiches Thema eingeordnet. Aus meiner Sicht ist sie das Gegenteil. Sie entscheidet mit darüber, wie Menschen zusammenarbeiten, Verantwortung übernehmen und ob sie einem Unternehmen langfristig erhalten bleiben.

Genau deshalb lohnt sich ein anderer Blick auf Führung. Kennzahlen zeigen Ergebnisse. Persönlichkeit erklärt Verhalten. Verhalten beeinflusst Zusammenarbeit. Zusammenarbeit entscheidet über Leistung. Leistung wird irgendwann in den Kennzahlen sichtbar. Wer erst bei Fluktuation, Krankheitstagen oder sinkender Produktivität reagiert, kommt häufig zu spät.

Warum fehlende Wertschätzung häufig nicht in der Kündigung beginnt, sondern deutlich früher sichtbar wird, liest du im Leitartikel Mitarbeiterbindung stärken.

Der eigentliche Hebel liegt deutlich früher. Bei der Führungskraft. Erkennt sie die Bedürfnisse hinter den Persönlichkeiten ihrer Mitarbeiter, entstehen bessere Entscheidungen, passendere Aufgabenverteilungen und deutlich weniger Reibungsverluste. Mitarbeiter übernehmen lieber Verantwortung, bringen ihre Ideen ein und identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen.

Deshalb spreche ich bei Persönlichkeit nicht von einem Soft Skill. Persönlichkeit beeinflusst Recruiting, Mitarbeiterbindung, Zusammenarbeit, Eigenverantwortung und letztlich auch den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Genau deshalb ist Wertschätzung kein Wohlfühlthema. Sie ist ein wirtschaftlicher Faktor.

Viele Unternehmen investieren deshalb erhebliche Summen in Maßnahmen gegen Fachkräftemangel oder Fluktuation. Häufig liegt der größere Hebel jedoch an einer ganz anderen Stelle. Nicht bei der nächsten Maßnahme, sondern bei der Art, wie Führung gelebt wird.

Wenn du verstehen möchtest, wie Persönlichkeiten in deinem eigenen Team zusammenspielen und welche Potenziale oder Reibungsverluste dadurch entstehen, findest du im Artikel Teamanalyse weitere Einblicke.

Fazit: Wertschätzung ist das Ergebnis guter Führung

Viele Unternehmen fragen sich, wie sie ihren Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegenbringen können. Ich würde die Frage anders stellen.

Was braucht jeder einzelne Mitarbeiter, um seine Persönlichkeit und seine Stärken im Arbeitsalltag entfalten zu können?

Nicht Benefits. Nicht Lob. Nicht die nächste Mitarbeiteraktion.

Sondern die Bereitschaft der Führungskraft, Menschen wirklich verstehen zu wollen.

Wer Persönlichkeit erkennt, erkennt auch die Bedürfnisse dahinter. Wer diese Bedürfnisse berücksichtigt, schafft Rahmenbedingungen, in denen Mitarbeiter ihre Stärken entfalten können. Die daraus entstehenden Entscheidungen, Gespräche und Veränderungen werden von Mitarbeitern als Wertschätzung erlebt.

Wertschätzung kann man nicht geben. Sie entsteht. Immer dann, wenn Führungskräfte verstehen, dass unterschiedliche Persönlichkeiten auch unterschiedliche Führung brauchen.

Und genau deshalb beginnt Führung immer bei der Führungskraft. Sie entscheidet, ob Wertschätzung ein gut gemeintes Wort bleibt oder jeden Tag im Unternehmen erlebbar wird.

Wertschätzung beginnt nicht mit einer Maßnahme.

Sie beginnt mit dem Verständnis für die Persönlichkeiten in deinem Team.

In meinem Mentoring begleite ich Geschäftsführer und erfahrene Führungskräfte dabei, die Bedürfnisse hinter den Persönlichkeiten ihrer Mitarbeiter sichtbar zu machen. Dadurch entstehen passendere Aufgabenverteilungen, stärkere Zusammenarbeit und eine Führung, die nicht künstlich wertschätzend wirken muss, sondern von Mitarbeitern genau so erlebt wird.

Wenn du Führung neu denken möchtest, lass uns darüber sprechen.

➡️ Zum Mentoring für Geschäftsführer und Führungskräfte

FAQ zum Thema Wertschätzung am Arbeitsplatz

Wertschätzung am Arbeitsplatz bedeutet nicht, Mitarbeitern möglichst viele Benefits anzubieten. Sie entsteht, wenn Führungskräfte die Persönlichkeit ihrer Mitarbeiter verstehen und Rahmenbedingungen schaffen, in denen sie ihre Stärken einsetzen können.

Benefits können eine gute Unternehmenskultur unterstützen. Sie ersetzen jedoch keine gute Führung. Mitarbeiter erleben Wertschätzung vor allem im täglichen Umgang, durch passende Aufgaben, individuelle Kommunikation und das Gefühl, mit ihrer Persönlichkeit wahrgenommen zu werden.

Echte Wertschätzung beginnt damit, die Bedürfnisse hinter den unterschiedlichen Persönlichkeiten zu erkennen. Häufig reichen kleine Veränderungen bei der Aufgabenverteilung, der Kommunikation oder den Verantwortlichkeiten aus, um Mitarbeitern ihre Stärken besser einsetzen zu lassen.

Persönlichkeit erklärt, warum Menschen unterschiedlich denken, entscheiden und handeln. Wer diese Unterschiede versteht, kann Mitarbeiter individueller führen. Genau daraus entsteht häufig das Gefühl von Wertschätzung.

Wertschätzung beeinflusst Eigenverantwortung, Zusammenarbeit, Mitarbeiterbindung und die Qualität von Entscheidungen. Sie wirkt sich damit unmittelbar auf Fluktuation, Produktivität und den langfristigen Unternehmenserfolg aus.

Wertschätzung allein löst diese Herausforderungen nicht. Sie schafft jedoch die Voraussetzungen dafür, dass Mitarbeiter sich langfristig mit ihrem Unternehmen identifizieren, Verantwortung übernehmen und seltener kündigen. Dadurch kann sie einen wichtigen Beitrag zur Mitarbeiterbindung leisten.

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