Ist Joggen gesund? Für mich geht es um mehr als Bewegung
„Ist Joggen gesund?“ ist eine der häufigsten Fragen rund um das Laufen. Meistens geht es dabei um Lauftechnik, Ernährung, Kondition oder körperliche Auswirkungen. Dafür gibt es genügend andere Webseiten.
Mich interessiert ein anderer Blickwinkel. Was passiert beim Joggen mit meinen Gedanken? Wie bewusst nehme ich meinen Körper und mein Umfeld wahr? Was hält mich davon ab, überhaupt loszulaufen? Und welchen Unterschied macht es, ob ich laufen muss oder laufen darf?
Für mich geht es beim Joggen deshalb um weit mehr als Bewegung. Um bewusste Auszeiten, Wahrnehmung, Entscheidungen, den eigenen Kopf und manchmal auch um den berühmten inneren Schweinehund. Viele dieser Gedanken sind beim Laufen entstanden und später in mein Buch „Alles andere als Joggen“ eingeflossen.
Bewusstes Joggen kommt für mich vor Lauftechniken
Es geht mir nicht darum, möglichst schnell zu laufen oder den nächsten Marathon zu absolvieren. Joggen bedeutet für mich vor allem die Auseinandersetzung mit mir selbst und meinem Körper.
Wie viel darf ich ihm zutrauen?
Die Zweifel beginnen häufig schon vor dem Lauf: Soll ich heute vielleicht aussetzen? Während des Joggens folgt der nächste Gedanke: Heute muss ich langsam machen.
Wer entscheidet darüber? Bin wirklich ich es oder lasse ich mich gerade von meinen Gedanken steuern?
Viel zu häufig lassen wir uns vom Außen ablenken und schenken dem Moment selbst wenig Aufmerksamkeit. Dabei kann gerade das Joggen eine Zeit sein, in der der eigene Kopf einmal Raum bekommt.
Joggen mit Musik? Warum eigentlich?
Handy verstaut, Kopfhörer auf die Ohren und Musik an. Für viele Menschen gehört das zum Joggen dazu. Ich persönlich habe es meistens vermieden.
Natürlich kann Musik motivieren und die Stimmung beeinflussen. Die für mich interessantere Frage ist eine andere: Warum gehe ich eigentlich joggen?
Die Zeit beim Joggen möchte ich außerhalb meines Alltags verbringen. Es ist Zeit für mich. Mein Körper und mein Kopf bekommen die Gelegenheit, auch einmal etwas sagen zu dürfen. Viele meiner Gedanken und Inspirationen entstehen genau dabei.
Deshalb brauche ich keine zusätzliche Beschallung.
Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf. In abgeschwächter Form lässt sich das mit meiner Erfahrung beim Vipassana vergleichen. Natürlich nicht so intensiv und nicht so lange. Trotzdem merke ich mit zunehmender Zeit, wie Gedanken auftauchen, sich verändern und manchmal wieder verschwinden.
Wenn ich mein Handy und meine Kopfhörer mitnehme, nehme ich für mich immer auch einen Teil des Alltags mit.
Was ohne Kopfhörer plötzlich wieder sichtbar wird
Ohne zusätzliche Ablenkung nehme ich meine Umgebung intensiver wahr. Vogelgezwitscher, den kühlen Morgenwind oder Menschen, die mir begegnen.
Eine kleine Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Morgens um 6.15 Uhr lief ich auf eine Engstelle an einer Bahnüberführung zu. Kurz davor klingelte es leise hinter mir und eine Frau auf dem Fahrrad fragte freundlich: „Darf ich noch kurz …?“
Ich drehte eine kleine Runde und ließ sie passieren.
Nichts Weltbewegendes. Gerade deshalb ist es für mich ein gutes Beispiel. Solche kleinen Begegnungen gehören zum Laufen dazu. Mit Kopfhörern hätte ich sie möglicherweise gar nicht oder zumindest anders wahrgenommen.
Und genau diese Wahrnehmung meines Umfeldes ist für mich ein wesentlicher Teil des Joggens.
Darfst du laufen oder musst du laufen?
Auch dieser kleine Unterschied beschäftigt mich immer wieder.
Wenn ich laufen muss, wird daraus schnell eine weitere Aufgabe. Dann kann ich die Zeit auch noch für einen Podcast oder ein Telefonat nutzen. Schließlich muss sie möglichst sinnvoll genutzt werden.
Aber warum gehe ich eigentlich laufen?
Ich darf laufen gehen.
Damit verändert sich für mich der Blick darauf. Ich muss keine Aufgabe abhaken. Ich darf mich bewegen, meinen Gedanken Raum geben und meine Umgebung wahrnehmen.
Besonders deutlich wird dieser Unterschied an Tagen, an denen genügend Argumente dafür sprechen, nicht loszulaufen.
Zum Beispiel, wenn es in Strömen regnet.
Joggen im Regen beginnt mit einer Entscheidung
Ich schaute morgens aus dem Fenster und es regnete. Nicht ein bisschen. Es regnete in Strömen. Draußen war es noch dunkel und das Thermometer zeigte 7,8 °C.
Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann zu arbeiten.
Trotzdem schaute ich immer wieder aus dem Fenster. Mein innerliches Verlangen sagte mir, dass ich loslaufen sollte.
Gleichzeitig hatte ich schon die Bilder im Kopf, wie ich anschließend völlig durchnässt zurückkomme und einen Weg aus Wasserlachen durch das Treppenhaus ziehe. „Wenn das meine Frau sehen würde …“
Irgendwann bin ich trotzdem losgelaufen.
Für mich macht es einen Unterschied, während einer Joggingrunde von einem Regenschauer überrascht zu werden oder sich bewusst dafür zu entscheiden, bei strömendem Regen vor die Tür zu gehen.
Ich habe eine Entscheidung getroffen und musste anschließend mit den Bedingungen umgehen. Der Regen und die Kälte machten das Laufen schwergängiger. Also musste ich achtsamer und etwas ruhiger laufen.
Aufgehalten haben sie mich nicht.
Eine Begegnung, die mir bis heute im Kopf geblieben ist
Während dieser Runde begegnete mir eine ältere Dame mit ihrem Hund. Schon von weitem konnte ich sie sehen.
Etwa 20 Meter vor unserer Begegnung begann sie, sich aus ihrer Regenkleidung herauszuschälen. Erst wurde das Gesicht unter der Kapuze sichtbar, dann kam eine Hand zum Vorschein.
Eine geballte Faust mit einem Daumen nach oben.
Wir lächelten uns an und grüßten uns.
Das war die einzige wirkliche Begegnung während dieser Runde. Wo sonst am Spazierweg neben dem Fluss Menschen unterwegs waren, war ich an diesem Morgen fast allein.
Gerade deshalb hatte dieser kurze Moment für mich einen besonderen Wert.
Ich kenne diese Frau nicht. Wahrscheinlich werde ich sie auch nie kennenlernen. Trotzdem gehörte sie in diesem Moment zu meinem Umfeld.
Was mein Umfeld mit meinem Joggen zu tun hat
Die meisten Menschen, die mir beim Laufen begegnen, kenne ich nicht. Trotzdem entscheide ich mit darüber, wie diese Begegnungen aussehen.
Ich kann vorbeilaufen oder wahrnehmen. Ich kann grüßen oder wegschauen. Und ich kann beobachten, was dadurch entsteht.
Je bewusster ich mein Umfeld wahrnehme, desto stärker merke ich, dass es nicht ausschließlich darum geht, was andere Menschen tun. Entscheidend ist auch, wie ich selbst über mein Umfeld denke und wie ich ihm begegne.
Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt. In meinem Buch habe ich ihm deshalb mehrere Kapitel gewidmet.
Die Natur ist für mich keine Laufkulisse
Beim Joggen achte ich auf Blumen, Vögel, Temperaturen, Geräusche und Veränderungen entlang meiner Strecke. Das sind Kleinigkeiten, an denen ich im Alltag wahrscheinlich häufig vorbeigehen würde.
Beim Laufen nehme ich sie wahr.
Noch deutlicher wird dieser Unterschied für mich beim Barfußlaufen.
Ich spüre, wie der Boden die Wärme der Sonne aufgenommen hat und wie sich die Temperatur im Schatten verändert. Kleine Steine, unterschiedliche Untergründe oder eine Pfütze werden plötzlich unmittelbar wahrnehmbar.
Meine Alltagsthemen rücken dabei schnell an die zweite Stelle.
Barfußlaufen und Mindset
Beim Barfußlaufen begegnen mir immer wieder drei Themen, die mit meinen Füßen nur bedingt etwas zu tun haben.
Das erste ist Durchhalten. Kälte, Hitze oder kleine Steinchen nehme ich unmittelbar wahr. Dabei merke ich, wie schnell mein Kopf entscheidet, was unangenehm ist und wie lange ich etwas aushalten möchte.
Das zweite ist Angst. Eine der häufigsten Fragen, die mir zum Barfußlaufen gestellt wird, betrifft Glasscherben und andere Dinge auf den Wegen. Interessanterweise gehe ich barfuß automatisch bewusster. Meine Aufmerksamkeit wird anders gesteuert und ich schaue genauer hin.
Das dritte ist das Gefühl, beobachtet zu werden.
Nach der Winterpause passiert mir regelmäßig dasselbe. Bei den ersten Runden im Frühjahr habe ich das Gefühl, von jedem Passanten genau gemustert zu werden. Nach der vierten oder fünften Runde verschwindet dieses Gefühl.
Die anderen Menschen haben sich vermutlich nicht verändert.
Meine Wahrnehmung schon.
Diesen Vorgang bewusst wahrzunehmen und darüber nachzudenken, verändert meinen Blick auf mein Umfeld.
Was Barfußlaufen mit meiner Ehe zu tun hat
Ich gehe gerne joggen. Meine Frau kann diesem Hobby deutlich weniger abgewinnen. Deshalb bin ich beim Laufen meistens allein unterwegs.
Wir haben dafür einen anderen gemeinsamen Weg gefunden: Spaziergänge.
Sie geben uns Zeit miteinander und die Möglichkeit, abseits unseres Alltags berufliche und private Themen zu besprechen. Gleichzeitig nutze ich diese Spaziergänge gerne zum Barfußlaufen.
Damit verbinden sich zwei unterschiedliche Interessen, ohne dass einer von uns die Vorliebe des anderen übernehmen muss.
Und tatsächlich ist Barfußlaufen dadurch für mich nicht nur mit Natur und Mindset verbunden, sondern auch mit gemeinsamer Zeit.
Aus diesen Gedanken entstand „Alles andere als Joggen“
Viele dieser Gedanken sind nicht am Schreibtisch entstanden. Sie entstanden beim Laufen, bei Begegnungen, in der Natur und beim Beobachten meiner eigenen Reaktionen.
Irgendwann habe ich daraus ein Buch gemacht.
Der Titel „Alles andere als Joggen“ beschreibt ziemlich genau, worum es darin geht. Das Joggen bildet den Rahmen. Eigentlich geht es um unser Umfeld, unsere Gedanken, unsere Wahrnehmung und darum, was wir selbst daraus machen.
Heute gibt es das Buch noch als Hörbuch. Einige gedruckte Exemplare habe ich ebenfalls noch und gebe sie auf Anfrage ab.
Ist Joggen also gesund?
Für mich lässt sich die Ausgangsfrage nicht allein über Kilometer, Geschwindigkeit oder körperliche Fitness beantworten.
Joggen gibt mir Zeit, mich zu bewegen, nachzudenken, mein Umfeld wahrzunehmen und meine eigenen Reaktionen zu beobachten. Bei Sonne, im Regen, mit Laufschuhen oder manchmal barfuß.
Vielleicht ist deshalb eine andere Frage für mich inzwischen interessanter:
Muss ich heute laufen gehen oder darf ich laufen gehen?
Alles andere als Joggen
Wenn dich diese Gedanken rund um Joggen, Mindset, Wahrnehmung und das eigene Umfeld interessieren, findest du viele davon ausführlicher in meinem Hörbuch „Alles andere als Joggen“.
Auf allen gängigen Hörbuchplattformen erhältlich.
Einige gedruckte Exemplare sind ebenfalls noch vorhanden und auf Anfrage erhältlich.
